DRAUSSEN SITZEN - 10 ORTE, DIE DEN FRÜHLING EINLEITEN

Irgendwann im März passiert es. Die Stühle kommen raus. Noch bevor der Frühling sich sicher ist. Und mit den ersten Sonnenstrahlen, einer stillen Einladung nach einem langen Winter, nehmen Menschen Platz.

Das Rheinland ist eine Region, die diesen Moment zelebriert wie kaum eine andere. In Bonn stieg die Zahl der Außengastronomie-Genehmigungen zwischen 2015 und 2024 um 21 Prozent. In Düsseldorf werden jährlich rund 1.100 erteilt. In Essen beantragt mittlerweile fast jeder Gastronomiebetrieb einen Außenbereich.

Gastwirte schauen ganzjährig auf das Wetter und reagieren sofort, wenn es wärmer wird. Das Draußensitzen wartet hier nicht auf den Kalender.

Und die Orte, an denen das besonders gut gelingt, sind nicht immer die offensichtlichen. Eine mittelalterliche Torburg als Weingarten. Ein stillgelegtes Stahlwerk als Biergarten. Eine grüne Wiese am Rheinufer, auf der jemand Liegestühle hingestellt hat.

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Three Little Birds, Düsseldorf-Oberkassel: Der Spontane

Was ihn ausmacht: Teppiche auf dem Rasen, Lichterketten, Selbstbedienung am Robert-Lehr-Ufer. Kein Köbes, keine Menükarte, keine Reservierung. Man kommt, sucht sich einen Platz, bestellt selbst. Bei gutem Wetter kommt der Grill raus.

Die Geschichte: Das Konzept entstand aus einem Architekturprojekt - und man sieht es. Die Bestuhlung ist so angeordnet, dass Gespräche entstehen, keine Sitzreihen.

Was man bestellt: Was gerade auf der Tageskarte steht. Sie wechselt.

Warum jetzt: Ab Frühling öffnet das Ufer. Sundowner, Rheinblick, Düsseldorf im Gegenlicht.

K.u.K. Weinhäuschen, Bonn-Mehlem: Der Klassische

Was ihn ausmacht: Ein Fachwerkhaus direkt am Rhein in Bonn-Mehlem, mit Terrasse und direktem Blick auf den Drachenfels. Österreichische Küche: Wiener Schnitzel, Tafelspitz, Tiroler Edelbrände aus dem Hause Rochelt. Mehlem ist nicht das erste Ziel, wenn man an Bonn denkt. Das ist sein bestes Argument.

Die Geschichte: Seit 1982 von den österreichischen Brüdern Christoph und Edmund Kagerer geführt. Österreichische Küche am Rheinufer. Klingt wie ein Widerspruch und doch funktioniert diese Kombination seit über 40 Jahren.

Was man bestellt: Grünen Veltliner, Drachenfels-Blick dazu.

Warum jetzt: Im Frühling öffnet die Terrasse mit 90 Plätzen. Das Siebengebirge im Frühjahrslicht gehört noch den Einheimischen.

Biergarten Alter Zoll, Bonn: Der Historische

Was ihn ausmacht: Eine ehemalige Bastion der Bonner Stadtbefestigung, errichtet um 1644, heute Biergarten auf dem Universitätscampus. Rheinblick, Siebengebirge, Bonner Posttower gleichzeitig. Im Sommer finden Konzerte auf dem Gelände statt.

Die Geschichte: Im Schatten einer der ältesten Platanen Bonns - 30 Meter hoch, zwischen 150 und 170 Jahre alt. Das eigens gebraute Alter-Zoll-Bier gibt es nur hier.

Was man bestellt: Das Alter-Zoll-Bier. Nirgendwo sonst.

Warum jetzt: Im Frühling öffnet der Biergarten, bevor die Hochsaison beginnt. Noch Platz an der Platane, noch kein Gedränge.

Restaurant Goebels, Köln-Esch: Der Dörfliche

Was ihn ausmacht: Im historischen Ortskern Köln-Esch, direkt gegenüber der Dorfkirche St. Martinus, unweit des Escher Sees. Mühlen-Kölsch vom Fass, saisonale Küche. Köln-Esch ist ein Stadtteil, den die meisten Kölner nicht kennen.

Die Geschichte: Esch gehörte bis 1975 als eigenständige Gemeinde zur Region. Wer hier sitzt, sitzt in einem Dorf - das zufällig Teil einer Millionenstadt ist.

Was man bestellt: Im Frühling Spargel, im Sommer Erdbeerbowle.

Warum jetzt: Der Escher See erwacht, der Spargel steht auf der Karte.

Restaurant Hauptschalthaus, Landschaftspark Duisburg-Nord: Der Industrielle

Was ihn ausmacht: Das ehemalige Hauptschalthaus des Thyssen-Hüttenwerks - heute Restaurant mit saisonaler Küche und Biergarten unter alten Stahlträgern. Der Eintritt in den Landschaftspark ist frei. Abends beleuchten Lichtinstallationen die Hochöfen.

Die Geschichte: Das Hüttenwerk wurde 1985 stillgelegt. Heute ist es eines der größten Industriedenkmale Deutschlands. Der Außenbereich fasst 200 Plätze.

Was man bestellt: Saisonal, regional, was gerade da ist.

Warum jetzt: Im Frühling fällt das Licht durch die alten Stahlkonstruktionen auf eine Art, die keine andere Jahreszeit wiederholt.

Bistro Anker 7, Köln-Mülheim: Der Unentdeckte

Was ihn ausmacht: Liegestühle auf einer grünen Wiese direkt am Mülheimer Rheinufer, wöchentlich wechselnde Karte. Das Anker 7 liegt neben dem Lokschuppen - dem Restaurant von Julia Komp, Deutschlands einstiger jüngster Sterneköchin.

Die Geschichte: Mülheim war lange das vergessene Köln. Heute wächst das Viertel schneller als die meisten anderen Stadtteile. Das Ufer ist noch nicht beim Tourismus angekommen.

Was man bestellt: Flammkuchen, Bowls, Panini. Die Karte wechselt wöchentlich je nach Saison und Verfügbarkeit. Was bleibt: der Rheinblick dazu.

Warum jetzt: Im Frühling erwacht das Mülheimer Ufer früher als die meisten Stadtteile. Wer die Wiese für sich haben will, kommt jetzt.

Kleiner Weingarten, Severinstorburg, Köln-Südstadt: Der Versteckte

Was ihn ausmacht: Hoch über dem Chlodwigplatz, eingebettet in die Mauern der Severinstorburg, einem der bedeutendsten mittelalterlichen Stadttore Kölns, erbaut Mitte des 13. Jahrhunderts.

Die Geschichte: Weinbau hat hier Tradition: Kartäusermönche verpachteten 1556 einen Weingarten in der Nähe. Heute wächst auf einem Mini-Hügel auf der Südseite der Torburg tatsächlich wieder Wein.

Was man bestellt: Die Severinstorburg-Edition vom Weingut Markus Görgen - ein Weiß- und ein Spätburgunder sowie ein Rosé.

Warum jetzt: Der Weingarten öffnet saisonal: Montag bis Freitag ab 17:30 Uhr, Samstag und Sonntag ab 14 Uhr. Da die Torburg auch als Eventlocation genutzt wird, lohnt ein kurzer Check auf Instagram vorab.

Haus Müller, Köln-Südstadt: Der Veedel-Klassiker

Was ihn ausmacht: Am Platz an der Eiche, früher Standort des Eichamts, heute einer der belebtesten Plätze der Südstadt. Restaurant, Kneipe und Biergarten gleichzeitig, unter alten Platanen, mit wechselnder Saisonkarte.

Die Geschichte: Das Haus Müller ist der Ort, an dem die Südstadt sich selbst begegnet - Karnevalsgesellschaft, Studenten, Familien, alle am selben Tisch.

Was man bestellt: Spargel im Frühling, Kölsch dazu.

Warum jetzt: Im Frühling öffnet der Biergarten unter den Platanen. Abende, die länger werden als geplant.

Café Sehnsucht, Köln-Ehrenfeld: Der Stille

Was ihn ausmacht: Durch den Wintergarten gelangt man in einen ruhigen Hinterhof. Weiß gestrichener Backstein, Pflanzen, geschwungene Metalltische. Ehrenfeld ist laut. Dieser Hinterhof ist das Gegenteil davon.

Die Geschichte: Seit 1982 in Ehrenfeld, biozertifiziert seit Jahren. Die Backwaren kommen von Zeit für Brot, einer der bekanntesten Handwerksbäckereien Kölns.

Was man bestellt: Morgens Frühstück, abends Wein. Die Mittagskarte wechselt täglich.

Warum jetzt: Im Frühling öffnet die Sonnenterrasse. Ein ruhiger Moment im lautesten Viertel der Stadt.

Schloss Türnich, Kerpen: Der Überraschende

Was ihn ausmacht: Das einzige noch vollständig erhaltene Barockschloss im Rheinland. Mit Café, Zutaten aus eigenem Bio-Anbau und preisgekröntem Schlosspark. Zwanzig Minuten von Köln.

Die Geschichte: Schloss Türnich wurde im 17. Jahrhundert erbaut und gehört heute der Familie von Eltz. Der Schlosspark wurde mehrfach als einer der schönsten Privatgärten Deutschlands ausgezeichnet.

Was man bestellt: Kuchen aus eigener Produktion, Kaffee, was gerade aus dem Garten kommt.

Warum jetzt: Im Frühling blüht der Schlosspark. Wer einen Sonntag außerhalb der Stadt sucht, findet ihn hier.

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