KÖLN: WO DIE WELT SICH TRIFFT

Es ist kurz nach sieben in Deutz. Am Kreisverkehr stehen Leute in Warnwesten und winken Transporter durch. Menschen in Anzügen laufen hastig Richtung Messeeingang. Lanyards um den Hals, Rollkoffer hinter sich her. Kaffee und Termindruck liegen in der Luft.

Wer in Köln wohnt, merkt sofort, wenn Messephase ist. Parkplätze, die sonst frei sind, sind plötzlich besetzt. Wo gestern noch Kölner Kennzeichen standen, parken heute Hamburg, München, die Niederlande. Die Stadt läuft auf einem anderen Betriebssystem.

Eine Idee, die größer war als eine Halle

1924 eröffnete die erste Kölner Messe im Beisein von Reichspräsident Ebert und Reichskanzler Marx. Initiiert hatte sie Konrad Adenauer. Nicht mit dem Argument der Ausstellungsfläche, sondern mit dem einer Bühne: Köln hatte nach dem Ersten Weltkrieg wirtschaftlich an Gewicht verloren. Die Messe sollte das ändern.

Schon damals zeigte sich, wie groß die Idee war. Das Gelände in Deutz maß 32.000 Quadratmeter, für 13.000 Anmeldungen viel zu klein. Berücksichtigt werden konnten nur 3.000 Aussteller. Die Messe war ausgebucht, bevor sie überhaupt eröffnet hatte.

Knapp ein Jahrhundert später zählt die Koelnmesse 43.600 Aussteller aus 120 Nationen. Das entspricht der Einwohnerzahl einer deutschen Kleinstadt und gibt eine Ahnung davon, was auf diesem Gelände in einer einzigen Messewoche passiert.

Dazu 2,5 Millionen Besucher aus 214 Ländern, knapp 400.000 Quadratmeter Fläche, was Köln zu einem der zehn größten Messezentren der Welt macht. Für mehr als 25 Branchen gilt sie als Weltleitmesse. Heute kommen Einkäufer aus Südkorea, Landwirtschaftsminister aus Seoul, Konzernstrategen aus Tokio und São Paulo und parken auf demselben Gelände, das Adenauer 1924 aus dem Boden gestampft hat. Er wollte das Rheinland. Er bekam die Welt.

Heute
80 Prozent aller Aussteller kommen aus dem Ausland.

Und mehr als die Hälfte aller Besucher auch.

Was hinter den Besucherzahlen steckt

Alle zwei Jahre im Oktober wird Köln für fünf Tage zur Hauptstadt der globalen Ernährungswirtschaft: Die Anuga öffnet ihre Tore für mehr als 145.000 Fachleute aus über 190 Ländern. Zur Eröffnungsveranstaltung 2025 kamen Bundesernährungsminister Alois Rainer und die koreanische Landwirtschaftsministerin Miryung Song. Nahezu alle Top 20 Unternehmen des deutschen Lebensmitteleinzelhandels waren vor Ort: Aldi, Edeka, Lidl, Metro und Rewe ebenso wie die globalen Riesen Aeon, Amazon, Carrefour, Costco, Walmart und Woolworths.

Was in diesen fünf Tagen in den Hallen verhandelt wird, landet Monate später in Supermarktregalen auf vier Kontinenten.

Im August blickt die Gaming Welt nach Köln: 357.000 Besucher aus 128 Ländern kamen 2025 zur Gamescom. Über 1.500 Aussteller aus 72 Ländern, eine Rekordfläche von 233.000 Quadratmetern. Seit dem Ende der wichtigsten amerikanischen Gaming Messe ist die Gamescom das globale Tor in den westlichen Spielemarkt. Der Ort, an dem asiatische Konzerne wie Tencent, HoYoVerse und Krafton ihre Europastrategie vorstellen und an dem Neuankündigungen Millionen Menschen gleichzeitig erreichen.

Gaming ist neben der Musikindustrie das größte Unterhaltungsmedium der Welt. Für diese Branche ist Köln kein Veranstaltungsort. Es ist eine Adresse.

Für wen Messephase wirklich Hochsaison ist

Kölner Hotels planen ihre Jahresumsätze entlang des Messeplans. Gastronomiebetriebe kennen die großen Termine auswendig, weil ihre Personalplanung davon abhängt. Ein Kölner Taxiunternehmen hat in der Gamescom Woche sein stärkstes Quartal. Cateringfirmen stellen für einzelne Messewochenenden zwanzig Aushilfen ein. Sicherheitsdienste, Logistikunternehmen, Dolmetscher, Messebauer. Branchen, die in keinem Messekatalog auftauchen, hängen strukturell an diesem Kalender.

Als 2020 nahezu kein physischer Messebetrieb möglich war, wurde sichtbar, was im Normalbetrieb schlicht nicht auffällt. Die Gästeankünfte in Kölner Hotels gingen gegenüber dem Vorjahr um mehr als 60 Prozent zurück. Ein Jahrzehnt Wachstum, in einem Jahr halbiert. Funktionierende Infrastruktur fällt erst auf, wenn sie fehlt.

Eine Milliarde Euro für die nächsten zwanzig Jahre

Bis 2040 investiert die Koelnmesse eine Milliarde Euro in den Standort. Neue Hallen, modernisierte Flächen, digitale Infrastruktur. Das umfangreichste Investitionsprogramm der Unternehmensgeschichte. Für ein Unternehmen im Besitz der Stadt Köln und des Landes NRW ist das mehr als eine unternehmerische Entscheidung.

CEO Gerald Böse nennt 2026 dennoch ein herausforderndes Geschäftsjahr, das internationale Marktumfeld sei schwieriger als seit langer Zeit. Das Frühjahr läuft: Die Internationale Eisenwarenmesse begrüßte 2026 rund 33.000 Fachbesuchende aus 125 Ländern, 72 Prozent davon aus dem Ausland. FIBO und Art Cologne folgen.

Köln tickt im Takt der Messe. Das ganze Jahr.

Der Mann in der Warnweste am Kreisverkehr lotst gerade wieder einen Transporter in Richtung Südeingang. Der Taxifahrer auf dem Weg zum Hauptbahnhof weiß, welche Woche das ist. Er hat es seit Monaten im Kalender stehen.

Die Koelnmesse ist kein Touristenmagnet und kein Verkehrsproblem, auch wenn sie beides gelegentlich ist. Sie ist so selbstverständlich wie Wasser aus der Leitung. Bis sie ausfällt.

Koelnmesse: 100 Jahre in fünf Momenten

1924

Debüt mit 600.000 Besuchern

Der Start: Schon die erste Kölner Messe setzte eine Hausnummer.

Die Einordnung: Leipzig, damals die führende deutsche Messe, zählte im selben Jahr nur 176.500 Besucher.

Die Wirkung: Köln war vom ersten Moment an mehr als nur ein regionales Projekt.

1928

Die PRESSA zieht fünf Millionen Menschen an

Das Ereignis: Die internationale Medienmesse machte Köln zur Großbühne.

Die Dimension: Bespielt wurde das gesamte Areal zwischen Deutzer Brücke und Zoobrücke.

Der Maßstab: Größer wurde ein Ausstellungsgebiet in Köln danach nicht mehr.

1936

Das Messeticket gilt zugleich als Fahrschein

Die Idee: Eintrittskarte und Mobilität wurden zusammen gedacht.

Der Vorteil: Kostenloses An und Abreisen per öffentlichem Verkehr war bereits integriert.

Die Pointe: Fast 90 Jahre vor dem Deutschlandticket war Köln damit erstaunlich weit.

2024

100. Jubiläum mit 2,1 Millionen Besuchern

Das Zeichen: Auch nach einem Jahrhundert hat die Messe nichts von ihrer Wucht verloren.

Die Zahl: Im Jubiläumsjahr kamen 2,1 Millionen Besucher nach Köln.

Die Aussage: Die Koelnmesse bleibt global relevant und wirtschaftlich tonangebend.

Heute

Internationaler als je zuvor

Bei den Ausstellern: Rund 80 Prozent kommen inzwischen aus dem Ausland.

Bei den Besuchern: Mehr als die Hälfte reist ebenfalls international an.

Die Konsequenz: Die Koelnmesse ist längst kein regionaler Treffpunkt mehr, sondern ein globaler Marktplatz auf Kölner Boden.

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