EIN SELBSTPORTRÄT DES RHEINISCHENKLASSIKERS
Hi, ich bin’s. Himmel un Ääd. Mich gibt’s schon seit dem 18. Jahrhundert und ich bin nie auf die Idee gekommen, in Rente zu gehen. Warum nicht? Gute Frage. Aber fangen wir von vorne an. Es gibt einiges zu erzählen.
Mein Name ist Programm: Erdapfel trifft Himmelsapfel. Was dabei entstand, ist heute fester Bestandteil jeder Kölner Brauhausmenükarte.
Drei Sätze beschreiben das Rheinland besser als jeder Reiseführer: Et es wie et es. Et kütt wie et kütt. Et hätt noch immer jot jejange. Und sie beschreiben auch mich.
Wie ich entstanden bin? Einer Legende nach hatten ein paar Bauern keine Lust, heruntergefallene Äpfel von geernteten Kartoffeln zu trennen. Also warfen sie beides in denselben Topf. Ob das stimmt? Ich war zwar dabei, aber ich erinnere mich nicht mehr so genau. Was ich weiß: Rheinländer machen kein Aufhebens. Sie nehmen, was da ist.
Und erfinden dabei aus Versehen einen Klassiker.
Meine Begleiterin, die Flönz, wird im Volksmund auch Kölscher Kaviar genannt. Früher kauften arme Leute sie „för dr Hungk“ – für den Hund. Man aß sie dann aber selbst. Vom Abfallprodukt zum Adelstitel: Seit 2016 trägt sie den EU Schutzstatus einer geschützten geografischen Angabe – wie Champagner oder Parma Schinken.
Jährlich unterliegen Auswärtige dem Irrglauben, beim Kölschen Kaviar echte Fischeier zu bestellen. Spätestens wenn der Köbes kommt, fliegt der Schwindel auf. Der erste Bissen lässt den Ärger schnell vergehen.
„Jede Jeck es anders“, sagt der Kölner. Auf meinem Teller passiert das, was das Rheinland ausmacht.
Apfel und Flönz klingt nach Konflikt, ist aber keiner. Sie sind Gegensätze, die nicht kämpfen, sondern nebeneinander existieren und harmonieren. Die beiden haben das nie diskutiert. Trotzdem sind sie auf einem Teller gelandet und seither ein unschlagbares Team.
Artikel 10: „Drinks de ejne met?“ Eine Frage, die kein Nein akzeptiert. So funktioniert Gastfreundschaft im Rheinland. Und so funktioniere ich.
Ich bin kein Gericht für eine Person, nicht für unterwegs, nicht für die Mittagspause am Schreibtisch. Ich bin ein Gericht, das Menschen zusammenbringt.
Wenn der Abend länger wird und der Köbes noch eine Runde bringt.
Artikel 6 des Kölschen Grundgesetzes: „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.“ Was das Rheinland kennt, behält es. Was es liebt, lässt es nicht los.
Ich funktionierte seit über 200 Jahren mit denselben vier Zutaten und es gibt keinen Grund, etwas daran zu ändern.
Man könnte sagen: Ich bin unsterblich.
Nur dass die Flönz dabei ist. Immer. Denn Himmel un Ääd zunder Flönz, es kei Himmel un Ääd.
Und: Dass ich in 100 Jahren immer noch auf den Speisekarten der besten Kölner Brauhäuser und Restaurants stehe.
Ich bin das ganze Jahr beliebt, besonders aber an Karneval in Köln. Wenn das Rheinland sich selbst feiert, bin ich dabei.
Am besten schmecke ich im Herbst, wenn Äpfel und Kartoffeln frisch von der Ernte sind. Im Rheinland werden sie nicht gestampft, sondern separat zubereitet und erst auf dem Teller zusammengeführt.
Der Apfel hatte kulturhistorisch ungefähr 2.000 Jahre Vorsprung vor der Kartoffel: Er kam mit den Römern ins Rheinland, während die Kartoffel bis ins späte 16. Jahrhundert auf ihre Ankunft warten musste. Ich bin also eine Beziehung, die sehr lange auf sich warten ließ.
Die Flönz – mein Markenzeichen – vereint Köln und Düsseldorf in einer gemeinsamen kulinarischen Tradition. Zwei Städte, die sich sonst in nahezu allem uneinig sind. Offenbar braucht echter Frieden manchmal einfach die richtige Beilage.
Seit 1977 schreibt die Kölner Fleischer Innung alle zwei Jahre den Flönz Cup aus. Beim „Großen Blut und Rotwurst Wettbewerb“ bewertet eine Jury aus Metzgermeisterinnen und Metzgermeistern, Veterinärinnen und Veterinären, Berufsschullehrkräften und Vertreterinnen und Vertretern des Hausfrauen Bundes hunderte eingereichte Würste blind nach Zusammensetzung und Geschmack. Für die Sonderkategorie „Kölsche Flönz“ dürfen nur Betriebe aus Köln und direkter Umgebung antreten. Es gibt Wichtigeres. Aber nicht viel.
Seit 1871 im Familienbesitz, mit einem Gästebuch, in dem Joseph Beuys und Rainer Werner Fassbinder unterschrieben haben. Hausgemachte Rustikalküche und Päffgen Kölsch aus dem Holzfass.
Über 260 Jahre Geschichte direkt an der Eigelsteintorburg in der Kölner Altstadt, mit Kegelbahn im Keller und Mühlen Kölsch vom Fass. Das Brauhaus, das das Rheinland meint, wenn es von Gemeinschaft spricht.
Selbstgebrautes Bönnsch vom Fass, eine gutbürgerlich rheinische Küche und ein Biergarten direkt an der Sterntorbrücke, wenn das Wetter mitspielt – und ich stehe auf der Karte.
Ich und Mühlen Kölsch: eine Kombination, die in der zweitältesten Brauerei Kölns seit 1858 funktioniert. Direkt am Heumarkt. Kölsches Jeföhl inklusive.
Eine der letzten echten Hausbrauereien der Düsseldorfer Altstadt, seit 1850, mit eigenem Altbier vom Fass und Küche, die rheinische Klassiker ernst nimmt. Und wer mich mit Altbier statt Kölsch kombiniert, wird feststellen: Ja, auch das schmeckt.
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